Narendra Kohli


Mahasamar


Mahasamar gehört zum hinduistisch-indischen Genre des pauranik Romans: Alte, in Sanskrit verfasste Texte – Puranas (zu ihnen zählen auch die Epen), die historische Berichte mit Mythen vereinen werden aufs Neue nacherzählt. Dem Roman liegt das Mahabharata zugrunde, und zwar seine ersten 12 Bücher. Im Vergleich zum Epos sind weder im Hauptsujet, noch in den ethisch-philosophischen Anschauungen, noch in den handelnden Personen des Romans radikale Veränderungen erkennbar. Dies wäre auch nicht möglich – so meint der Autor –, da das Mahabharata die ewigen Wahrheiten vermittelt.


Im Mittelpunkt der Erzählung steht der Bruderkrieg zwischen den Kauravas und Pandavas. Letztere führen den Krieg zum Schutz des Dharma. Somit führen sie einen gerechten Krieg. Die Kauravas verfolgen hingegen ausschließlich politische Ziele, wodurch sie den Dharma verletzen. Hauptfigur des Romans ist der älteste der Pandava-Brüder Yudhisthir, ein unbeugsamer Verfechter des Dharma.


Im Vergleich zum Mahabharata ist die Zahl der Sujets im Mahasamar eingeschränkt. Gleichzeitig ist die Entwicklung des Hauptsujets deutlicher herausgearbeitet. Über die Ereignisse wird in chronologischer Reihenfolge berichtet. Das Nachdenken über die Rolle des Krieges bezogen auf den Kreislauf der Existenzen, sowie seine sozialen und psychologischen Gründe und Folgen wie auch weitere philosophische Ideen und moralische Ansichten sind im Unterschied zum Mbh. nicht in didaktisch angelegten Textabschnitten zum Ausdruck gebracht, sondern durch Wörter, Überlegungen und Beschreibung der Gefühle der handelnden Personen.

Es wird postuliert, dass der Krieg auch in Friedenszeiten in jeder Person und in den zwischenmenschlichen Beziehungen unterschwellig immer präsent ist.


Kohlīs Interpretation der traditionellen Figuren ist durch einen prägnanten psychologischen Aspekt gekennzeichnet. Der Autor verwendet einen gehobenen Stil, mit einem großen Anteil an Sanskrit-Vokabeln.


Die Bände 1 bis 3 entsprechen inhaltlich dem 1. Buch.

1. Bandhan (‘Bindung’), 1988, beginnt mit Bhismas Verzicht auf das Thronrecht in Hastinapur zugunsten der Söhne seines Vaters aus zweiter Ehe. Am Ende dieses Bandes muss er in treuer Pflichterfüllung gegenüber dem Staat und der Familie auf seinen Wunsch, im Wald zu leben (um sich auf die Befreiung von der Wiedergeburt vorzubereiten), verzichten. Sein Pflichtbewusstsein fesselt ihn an die Bindung zur Welt.

2. Adhikar (‘Recht’), 1990, umfasst sämtliche Ereignisse seit der Kindheit der Pandavas und Kauravas in Hastinapur bis hin zum Aufbruch nach Varnavat. In diesem Buch tritt die göttliche Figur Krishna auf. Recht als eine Prämisse für Machtausübung wird im ethisch-politischen Sinne betrachtet.


3. Karma (‘Handlung als das Kausalgesetz der Wiedergeburt’), 1991. Yudhisthir wird König der Hälfte des Königsreichs; die Kauravas schmieden ein Komplott gegen die Pandavas, denen es jedoch gelingt, sich zu retten; Prinzessin Draupadi wird Frau der fünf Brüder und sie kehren mit ihr zurück nach Hastinapur. Ein Ziel des Autors ist es, die außergewöhnlichen Ereignisse im Epos – wie z. B. die Verheiratung einer Frau mit den fünf Pandava-Brüdern, aber auch Ungereimtheiten im Verhalten der Figuren logisch oder psychologisch zu erklären.


4. Dharma (‘Das ethische Gesetz des Universums’), 1993, befasst sich mit den Ereignissen im 1. und 2. Buch. Die Pandavas als Herrscher der einen Hälfe des Königsreichs finden sich immer wieder vor die schwere Wahl zwischen Pflicht und Moral gestellt. Ein wichtiges Anliegen des Autors ist es aufzuzeigen, wie sich die inneren Konflikte der handelnden Personen lösen lassen. Es werden politische und psychologische Gründe angeführt, warum keine der einflussreichen Personen versucht, das Würfelspiel im Palast der Kauravas zu unterbinden, um damit Yudhisthiras katastrophalem Verlust vorzubeugen.


5. Antaral (‘Zwischenzeit’), 1995, basiert zum größten Teil auf dem 3. Buch. Der Autor beobachtet das Verhalten der Verwandten und Freunde der beiden Parteien. Ihn interessiert das Verhältnis zwischen den Verwandtschafts- und Freundschaftsgefühlen einerseits und den Einstellungen der Figuren zur kriegsdrohenden Situation andererseits.

6. Pracchann (‘Verborgenes’) 1997 basiert hauptsächlich auf dem 4. Buch. Das Hauptthema ist die Diskrepanz zwischen der Essenz und der äußeren Form von Dingen, Ereignissen und Menschen, aber auch von Krishna, dessen göttliche Natur sich in menschlicher Gestalt zeigt. Inhaltlich bezieht sich „verborgen“ auf die Pandavas, die während des letzten Jahres ihres Exils Inkognito leben mussten. Die Beschreibung der kriminellen Politik der Hastinapur-Herrscher bildet offenkundig Anknüpfungspunkte mit zeitgenössischen Problemen.


7. Pratyaksa (‘Offensichtliches’) 1998: dessen Grundlage ist das 6. Buch. Die im 5. Teil angedeutete Spaltung der Gesellschaft nimmt mit dem Beginn des Krieges eine radikale Form an. In diesem Teil, der auch die Bhagavad-Gita in einer prosaischen Form einschließt, sind die philosophischen Anschauungen vor dem Hintergrund der sachlichen, ethischen und politischen Kontexte zum Ausdruck gebracht.


8. Nirbandh (‘Ungebunden’) 2000 bezieht sich inhaltlich auf die Bücher 7 bis 12.

Die Handlung spielt vorwiegend auf dem Schlachtfeld. Im Titel klingen die inhaltlichen Zusammenhänge mit dem ersten Teil an. Bhisma, der im Kampf gefallen ist, hat durch die makellose Erfüllung seines Karmas die Befreiung von der Wiedergeburt erreicht. Befreit sind auch die Pandavas, und zwar nicht nur von ihren Feinden, sondern auch von den Fesseln irrtümlicher Weltwahrnehmung.


Der erste und der letzte Band lassen einige strukturelle Gemeinsamkeiten erkennen. Dadurch bringt auch der Aufbau des Romans die Vollendung des Zyklus zum Ausdruck: die Welt befindet sich wieder in einer Friedensphase. Gott Krishna, der im Krieg den Pandavas zur Seite stand, verlässt sie. Nun ist es ihre Aufgabe, ihr Königsreich, das die ganze Welt symbolisiert, aufzubauen und in der Zeit des Friedens das Dharma zu pflegen.